
Vertrauen in Deutschland
Standort Deutschland diese Formulierung reduziert unser Land von vornherein auf die Rolle des Wettbewerbers und übersieht die Bedeutung des Gemeinwesens. Ich glaube, dass es in Deutschland ein großes Potenzial an Entwicklungsfähigkeit gibt und um dieses zu fördern, braucht es Vertrauen.
Auch wenn wir anerkennen müssen, wie sehr wir noch immer an den Misstrauen fördernden Faktoren der diktatorischen Vergangenheit tragen, ist es meine feste Berufs- und Lebenserfahrung, dass vorhandene Ressourcen nur dann zum Tragen kommen, wenn die Leitung eines Landes, einer Organisation oder Institution bereit ist, Verantwortung zu delegieren, das Vertrauen an andere weiter zu geben. Was wir daher benötigen, sind Governance-Stukturen, in denen die drei Hauptakteure Politik, Wirtschaft und organisierte Zivilgesellschaft einander zuarbeiten wie beispielsweise in der Korruptionsbekämpfung. Die Zivilgesellschaft kann Skandale aufdecken und Koalitionen mit vorbereiten, Regierung und Unternehmen können Strategien des „publish what you pay” vereinbaren. Die Zivilgesellschaft sorgt dann wieder für einen unabhängigen Kontrolleur ihres Vertrauens. In einem solchen Dreiklang kommt den Unternehmen eine wichtige Aufgabe zu.
Voraussetzung ist, dass sie auch oder gerade in einer Zeit des globalen Kapitalismus willens sind, einen Teil politische Verantwortung für unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung zu übernehmen. Natürlich müssen Unternehmen Gewinne machen. Natürlich müssen sie auch international im Wettbewerb bestehen, aber sie müssen auch diese Verantwortung übernehmen und dafür Phantasie entwickeln. Innovation ist nicht nur eine Frage der Technologie. Innovation bedeutet auch, verschiedene Dinge zu vereinbaren wie Ökologie und Ökonomie oder Familiengerechtigkeit, Bildung und Unternehmensstruktur. Unternehmen können also ihre eigene Struktur daraufhin überprüfen, wie sehr diese Innovation und Kreativität begünstigt, anstatt nur nach den Rahmenbedingungen zu fragen. Auch können Manager ihre Gehälter relativieren. Denn wer soll Vertrauen haben, wenn diese ein Ausmaß annehmen, das unter dem Aspekt der Leistung nicht mehr vertretbar ist und Leistung andererseits als zentrales Prinzip der Marktgesellschaft gepriesen wird.
Was außerdem fehlt, ist ein Grundkonsens. Das wir uns zuerst über die gemeinsame Linie einigen und erst dann übers Detail streiten. Dass also beispielsweise Gewerkschaften und Arbeitgeber sich grundsätzlich immer der gemeinsamen Tradition ihrer Sozialpartnerschaft bewusst sind und dass Wirtschaft nicht ohne rechtliche und politische Infrastruktur auskommt.
Zwei der wichtigsten Ressourcen unseres Landes sind die Menschen und die geografische Lage. Um beides zu nutzen, benötigen wir vor allem Bildung. Damit wir mit unseren zahlreichen Nachbarländern kommunizieren können, müssen wir uns deren Sprache und Kultur erschließen. Und dazu gehört nicht nur französisch. Der Staat kann die Rahmenbedingungen setzen, die Unternehmen können fördern. Nicht im Sinne von Elite, sondern von Spitzenleistung. Damit jeder Mensch sein Potenzial entwickeln kann, vorausgesetzt er erkennt, dass Bildung kein Konsumgut ist, sondern eine Chance.
Während meiner Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin habe ich immer wieder erlebt, dass Menschen an mich herangetreten sind und bereit waren, die Komplexität der Probleme anzuerkennen und nach Lösungen zu suchen. Für mich ein Indiz, dass wir uns eine tragfähige, demokratische Kultur erarbeitet haben.
Und das stimmt mich so optimistisch zu sagen: Ich habe Vertrauen in Deutschland.
Personalwirtschaft
Juni 2006
Kolumne 3000 Zeichen für Deutschland
Konzept
Text aus Interview
Prof. Dr. Gesine Schwan, 62
außerdem:
Frank Schirrmacher
Liz Mohn
Bischof Wolfgang Huber
Hans Olaf Henkel
Florian Langenscheidt
Jutta Limbach
Rudolf Seiters
Jutta Allmendinger
Peter Bofinger
Matthias Horx